Versailler Diktat 8: Golo Mann

4.06.2009

In diesem Monat ist es 90 Jahre her, daß das Versailler Diktat unterzeichnet werden mußte. Deshalb soll noch der eine oder andere Historiker gehört werden. Hier Golo Mann in seinem ausgezeichneten Werk “Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts”. Das folgende ist nur ein Auszug, der ganze Text dort über Versailles ist beinahe dreimal so lang:

Selbstgerechte, gierige, kurzsichtige Tricks; Heucheleien, deren man sich ungern erinnert und am besten vielleicht gar nicht erinnerte, aber es doch muß, weil ohne sie das Folgende nicht zu begreifen ist. Denn es hing dies Geflecht von Falschheiten wie ein Mühlstein um den Hals der neuen deutschen Republik und beschwerte die Zukunft unseres armen Europa, wie der große Krieg selber, hätte man ihn mit leidlicher Vernunft abgeschlossen, es nicht vermocht hätte. — Das so reduzierte, noch durch allerlei sofortige Ablieferungen — Lokomotiven, Schiffe, Kabel — aus seinen ohnehin kriegsruinierten Beständen heimgesuchte Land sollte nun allen Schaden, welchen der Krieg — sein Angriffskrieg — den alliierten Völkern zugefügt hatte, auf sich nehmen und, niemand wußte in welcher Höhe, niemand wußte während welcher Zeit, zurückzahlen. Niemand wußte das. Nur soviel war klar, daß es sich um Summen handelte, die je nach dem, was man den Verlusten der Staaten und der Zivilbevölkerung zurechnete, beliebig vermehrt werden konnten, und daß es sich um jede Vorstellung übersteigende Summen handelte.

Wir haben etwas gelernt seitdem, und es ist ein so gräßlicher Unfug wie jener der »Reparationen« in einer späteren Zeit, die es an Unfug doch auch nicht fehlen ließ, nicht wiederholt worden. Das wissen wir heute: die Kriege des Jahrhunderts sind ein böses Spiel für jedermann, und es kann nicht jener, der als Sieger daraus hervorgeht, seinen Schaden ungeschehen machen, indem er den des Besiegten verdoppelt oder verhundertfacht. Versucht er es, so erhöht er den eigenen auch. Sieg ist Illusion. Die Pariser Friedensmacher wußten das nicht, und wenn wir sie deswegen tadeln, so wollen wir nicht vergessen, daß sehr einflußreiche Deutsche es auch nicht gewußt und der Entente eben die Behandlung zugedacht hatten, die jetzt Deutschland erfuhr. Halten wir uns mit Beispielen der Verblendung von Staatsmännern und Fachmännern, die hier sich in ihrer ganzen Menschlichkeit zeigten, nicht lange auf. Sagen wir nur: aus dem Grundsatz der Reparationen, so wie der Vertrag ihn anwandte, kamen Wirrsal und Narrheit dreizehn Jahre lang und konnte nichts anderes kommen. Europa war viel zu dicht in seinem Zusammenleben, viel zu klein und arm auch jetzt schon, als daß es in zwei Teile hätte geteilt werden können, einen zahlenden und einen ausgehaltenen. Das heißt nicht, daß Deutschland zum Aufbau der ruinierten französischen und belgischen Gebiete nicht einen ehrlichen Beitrag hätte leisten sollen. Das hätte es gekonnt und gesollt; dazu war es auch bereit.

Ein amerikanischer Journalist, der die Pariser Verhandlungen beobachtete, schrieb: »Wir werden einen Völkerbund haben, schwach, mißgestalt, großem Unrecht zugänglich; und so, schwanger mit neuen Kriegen, wird der Friede sein.« Und wieder, über die Friedensmacher: »Der Krieg hatte das Problem der Menschheit auf ihrem Diplomatentisch ausgebreitet. Das hätte ihnen Geist und Herz öffnen sollen, die Arbeit auf neue, große Weise zu beginnen. Sie wollten auch. Es fehlte nicht an gutem Willen. Aber ihre alten, schlechten Denkgewohnheiten, ihre gezwungene Besorgtheit um Dinge, die sie im Grunde nicht interessierten, ihr Alter, ihre Erziehung — das hat ihnen die Aufgabe unmöglich gemacht.« Nicht nur sie, die Diplomaten, auch die Völker seien an dem schlechten Vertrag schuld: »Ich sehe ganz klar, daß es sich hier um keinen bloßen Klassengegensatz handelt, sondern um eine Spaltung, die im Geist jedes einzelnen verläuft. Jeder kleine Arbeiter und Bauer will beides haben, Rache am Feind, Ersatz für seine Leiden und nie wieder Krieg.« Diese beiden Wünsche gingen aber nicht zusammen, der eine striche den anderen aus. Und so sei auch das Neue, erstmalig Gerechte, was man in Paris zu tun versprochen hatte, in Wahrheit gar nicht neu, sondern das Uralte, Schlechte: »Bewußt oder nicht, arbeiten, strampeln, putschen sie alle zu dem Punkt zurück, auf dem sie vor dem Krieg standen… Aber die Welt kann nicht rückwärtsgehen; sie kann nicht. Fallen oder absinken, wie Griechenland oder Rom, kann sie; rückwärts gehen nie.« – Der Mann, Lincoln Steffens, ein hellsichtiger Kritiker, war nebenbei bemerkt vom Verhalten der Deutschen ebenso enttäuscht wie von dem Friedensvertrag; davon später.

Es ist alte Weisheit; daß man dem eigenen Recht, der eigenen Macht und ihrer Dauer nie weniger trauen soll, als wenn man oben ist und den Gegner unter sich hat; daß dann der Augenblick zur Demut, zum Zweifeln am eigenen Verdienst gekommen ist. Im Sieg ist immer etwas, dessen man sich schämen sollte. Die Schuld der Friedensmacher von 1919 liegt in der moralistischen Überlegenheit, mit der sie den Besiegten behandelten, da sie doch selber alle während der Kriegsjahre kräftig gesündigt hatten, wenn auch mit Gradunterschieden; da sie auch eben jetzt noch tüchtig zu sündigen im Begriff waren. Sie hatten ein Recht, dem Besiegten diese oder jene Bedingung aufzuerlegen, aber nicht, seine Alleinschuld am Krieg zu dekretieren und so der Geschichtsforschung vorzugreifen. Sie hätten übrigens keinen Völkerbund gründen sollen, an den sie nicht glaubten und für dessen Verwirklichung sie keine Opfer zu bringen, keine große moralische Anstrengung zu machen bereit waren; wodurch sie die schöne Idee für absehbare Zeit beschmutzten und verdarben. Es ist eine böse Sache: mit unreinem Herzen nach dem Höchsten zu greifen.

Die deutsche Regierung unterzeichnete den Vertrag. Der Kriegsschuld- und Reparationsparagraph, die Beschränkung der deutschen Armee und Flotte auf die Macht eines Kleinstaates, die Besetzung der Rheinlande auf fünfzehn Jahre oder länger und die Abtrennung des Saargebietes, dessen Bergwerke von Frankreich ausgebeutet werden sollten – es wurde alles akzeptiert. Aber nicht gutgeheißen. Die Deutschen unterzeichneten unter Protest, weil sie mußten. Sie nannten den Vertrag ein »Diktat«, und das war er auch; denn echte Verhandlungen hatten nur unter den Siegern, nicht zwischen Siegern und Besiegten stattgefunden. Ein solcher Vertrag dauert nicht länger als das Macht- oder Gewaltverhältnis, auf dem er beruht. Der Besiegte hält ihn nur, solange er besiegt und der Schwächere ist. Er hat keine moralische Verpflichtung, ihn zu halten. Und so wie die Welt ist, wie auf die Dauer die wahren Gewichte sich doch durchzusetzen pflegen, war es nicht wahrscheinlich, daß der Versailler Vertrag lange halten würde. Die Frage war nur, in welchem Sinn, auf welche Weise man ihn revidieren würde. Das mußte von beiden Seiten, von Deutschland und den Westmächten, abhängen.

Die Empörung in Deutschland wurde noch vor allem dadurch genährt, daß man sich betrogen glaubte; man hatte sich ergeben im guten Glauben an Wilsons gerechtes Friedensprogramm und hatte nun einen Frieden bekommen, welcher den »Vierzehn Punkten« wohl in manchen Einzelheiten, in seinem Geist, seiner Gesamtheit aber ihnen nicht entsprach. Das stimmte. Was man nicht verstehen konnte und wollte, war nur dies: Als Deutschland im Oktober 1918 um Waffenstillstand bat, hatte es auf Wilsons Programm machtlogisch und moralisch keinen Anspruch mehr. Den »gerechten Frieden« hätte es annehmen müssen, solange es selber noch Unrecht tun oder auf Unrecht Verzicht leisten konnte; solange es noch eine Macht war. Seit Ludendorffs plötzlichem »Wir sind verloren!« war es keine mehr, und nun klang sein Appellieren an Wilsons hohe Grundsätze sowohl ohnmächtig wie moralisch falsch. Der gutmütige, dumme Michel wollte sich freiwillig ergeben haben im Glauben an das amerikanische Evangelium, da er doch noch hätte weiterkämpfen und gewinnen können – so ließen nun die Demagogen es den Deutschen in den Ohren klingen. Und das stimmte nicht. Aber die Wahrheit war kompliziert und unerfreulich. Warum sich um der Wahrheit willen viel Kopfzerbrechen machen?

Gerade die Schuldigsten; jene, die vier Jahre lang einen gemäßigten Frieden verachtungsvoll verworfen hatten; die entschlossen waren, dem Gegner Bedingungen aufzuerlegen, allerwenigstens so brutal wie der Vertrag von Versailles; und die dann plötzlich und im dümmsten Moment »Wir sind verloren!« gerufen hatten – sie waren nun die Lautesten in der Empörung; und sie wandten ihren falschen Zorn nicht so sehr gegen die Außenwelt wie gegen einen Teil des eigenen Volkes. Gegen die »Linke«, politisch gesprochen. Gegen die Parlamentarier, die jahrelang zum Guten geredet und die man zu spät zur Verantwortung gerufen hatte; und die im Oktober 1918 die Kapitulation nicht wollten; die Männer von der Sozialdemokratischen Partei, vom Zentrum. Sie wurden nun als die eigentlichen Schuldigen ausgegeben. Fiel nicht ihr Kommen zur Macht oder Ohnmacht mit der militärischen Katastrophe zusammen? Waren sie nicht im Geist Brüder der Entente, Leute, Demokraten wie sie, Anhänger des parlamentarischen Systems und des neuen amerikanischen Evangeliums, das eben jetzt so erbärmlich versagt hatte? Hatten sie nicht den Vertrag unterzeichnet gegen die Stimmen der Konservativen oder, wie sie sich jetzt nannten, der Deutschnationalen? Daß die Oberste Heeresleitung die Unterzeichnung angeraten oder befohlen hatte, konnte man um so leichter übersehen, als Hindenburg sich gerade nicht im Zimmer befand, während Stabschef Groener des alten Heeres Willensmeinung zum letzten Male kundtat. — Die Schuldigen gaben sich als die Unschuldigen aus. Die Unschuldigen, oder viel weniger Schuldigen, erschienen als die Urheber und wahren, typischen Vertreter des Versailler Systems.

Der Friedensvertrag belästigte Deutschland auf doppelte Weise. Er schuf ein schiefes, verkrampftes Verhältnis zwischen ihm und der Welt, seinen Nachbarn im Westen und Osten; er zerteilte das Volk, indem eine Gruppe von Politikern samt ihrer Gefolgschaft sich rasch die Verantwortung für alles Unheil heimtückisch aufgebürdet sah. Dagegen wehrten sie sich wohl, aber schwach, weder mit Erfolg noch mit glücklichem Talent…

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Hier die vorigen Beiträge!

13 Antworten zu “Versailler Diktat 8: Golo Mann”

  1. kewil meint:

    OT

    Auch die Grabrede auf die Bolschewikin Rosa Luxemburg ist 90 Jahre alt:

    http://www.zeit.de/2009/24/Grabrede

  2. Chripa meint:

    OT
    Kotz, der US-Präsident hat die Muslimbrüder zu seiner großen “Versöhnungsrede” eingeladen:
    http://politics.theatlantic.com/2009/06/brotherhood_invited_to_obama_speech_by_us.php

  3. karl-friedrich meint:

    Ich habe gerade folgendes zur Kenntnis genommen, das ganze stand auf einer Seite wo ich täglich alle Nachrichten zusammengefaßt bekomme:

    4.6.2009 - Soeben erreicht mich diese email: Aus sehr zuverlässiger Quelle erfahre ich soeben, dass den ehemaligen “Ghetto-Bewohnern”, neben den bisher bereits gewährten Sozialleistungen, ein Rentenanspruch zuerkannt worden ist. Die Durchschnittsrente beläuft sich ab monatlich € 2.000,00 aufwärts. Selbstverständlich sind Leistungen von den Beziehern dafür nicht erbracht worden. Es dürfte sich um eine Wiedergutmachung handeln. Entsprechende Meldungen werden in den nächsten Tagen sehr nett verpackt in die Presse lanciert werden. Wo ist der Eimer? Ich möchte kotzen!

    Jetzt kann sich jeder selber ein Bild da von machen.

  4. Karl R. meint:

    OT:

    gegen die FPÖ wird heftig die Nazikeule geschwungen

    http://www.heute.at/news/euwahl/HC-Strache-Martin-Schulz-FPOe-SPD-EU-Wahl;art4033,48156

    und das neue News Cover:
    http://portal.gmx.net/de/themen/oesterreich/politik/8273338-News-erbost-FPOe-Graf-und-Strache-im-Reichstag.html

  5. Cui meint:

    OT

    Hier die neueste Perversion aus dem komplett verkommenen, mein-bauch-gehört-mir-femifaschistisch-gendergemainstreamten Skandinavien:

    http://www.jungefreiheit.de/Single-News-Display.154+M5a67cdecb60.0.html

  6. Markus Oliver meint:

    karl-friedrich meint:
    4.06.2009 um 14:28

    Das ist totaler Quatsch. Die Ghettorenten beziehen sich nur auf die Leute, die in einem Arbeitsverhältnis standen.

    http://www.tagesschau.de/inland/ghettoarbeit100.html

  7. tnn meint:

    Die Freiheitlichen werden mir immer sympathischer.

    http://diepresse.com/home/panorama/wien/484551/index.do?_vl_backlink=/home/panorama/wien/index.do

  8. Adam meint:

    Europa war viel zu dicht in seinem Zusammenleben, viel zu klein und arm auch jetzt schon, als daß es in zwei Teile hätte geteilt werden können, einen zahlenden und einen ausgehaltenen. Das heißt nicht, daß Deutschland zum Aufbau der ruinierten französischen und belgischen Gebiete nicht einen ehrlichen Beitrag hätte leisten sollen. Das hätte es gekonnt und gesollt; dazu war es auch bereit.

    ehrliche Worte

    Rache am Feind, Ersatz für seine Leiden und nie wieder Krieg.« Diese beiden
    Wünsche gingen aber nicht zusammen

    Die Quadratur des Kreises

    Lob an Kewil für sein geschichtliches Wissen

    Adam

  9. karl-friedrich meint:

    @ Markus Oliver meint:
    4.06.2009 um 14:53

    Wie schon erwähnt, die Nachricht ist ja nicht von mir, ich habe es auf einer Seite gelesen, und hier mal reingestellt.

  10. schweinsleber meint:

    sorry ot: “Rechtsextremisten drängen ins Europaparlament” titelt die nzz
    http://www.nzz.ch/nachrichten/international/rechtsextremisten_europaparlament__1.2674817.html

    ja ja, alle die was gegen äusländergewalt und türkeibeitritt haben. sind rechtsradikal…
    das einzige was ich diesem drecksblatt noch wünsche, ist sein baldiges ableben!

    danach können sich ein paar miese schreiberlinge mehr nützlich machen nämlich aus fussbodenreinigungsfachkräfte!

  11. Faber meint:

    OT

    Das Kinderradio Lilipuz erklärt das Grundgesetz, mit einer interessanten Illustration. Ja, auf dem Foto sind sie wirklich alle gleich.

    http://www.lilipuz.de/wissen/grundgesetz-fuer-kinder/warum-ein-grundgesetz/gleichheit/

  12. Alexander L. meint:

    OT: Hier hat sich doch mal jemand über die Schornsteinfeger-Mafia aufgeregt.

    Diese Arschlöcher der Stadt Stuttgart haben mir ein Bußgeld zugeschickt, weil der Schornsteinfeger vor über einem Jahr nicht in meine Wohnung konnte, in der ich zu diesem Zeitpunkt gar nicht mehr gewohnt habe. Hatte vergessen mich gleich umzumelden und war daher noch nich in der Neuen gemeldet.

    Mein Hass auf dieses beschissene Bürokraten-Land steigt tagtäglich.

  13. Babel meint:

    @Schweinsleber:

    Das Verfahren ist, wie auch schön bei PRO zu sehen, immer das gleiche. Sobald sich Wahlen nähern (oder z.B. Islamisierungskongresse) werden aus bis dato rechtskonservativen oder -populistischen Gruppierungen wie auf Kommando rechtsextremistisch-radikale Neonazi-Parteien. Der Haß und Geifer der Medien und politischen Gegener kennt dann kein Maß mehr.
    Ab nächsten Montag ist das dann aber einstweilen wieder vorbei … bis zur nächsten Wahl.

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