Henryk M. Broder - Armut ist für alle da
18.03.2010
Armut ist für alle da
Das «Soziale» ist eine brummende Boom-Branche in Deutschland, die mehr Menschen beschäftigt als die Industrie. Armut muss betreut, erfasst und verwaltet werden.
Von Henryk M. Broder
Es sei ein Skandal, meinen viele Deutsche, dass es in einem so reichen Land wie der Bundesrepublik so viel Armut gebe. Manche tun auch was dagegen. Sie werden reich. Mit Hilfe der Armen. Das geht einfacher, als Sie denken. Sie brauchen nur einen gemeinnützigen Verein oder eine gemeinnützige GmbH zu gründen, der bzw. die ein soziales Anliegen hat. Zum Beispiel: Hilfe für obdachlose Menschen. Dann werden Sie und Ihr Projekt vom Staat grosszügig gefördert. Über die Verwendung des Geldes brauchen Sie keine Rechenschaft abzugeben, Sie werden nicht kontrolliert.
Die Sache geht so lange gut, bis Sie eines Tages bei einer Verkehrskontrolle geblitzt werden. Und dabei wird bekannt, was alle wussten, dass Sie nämlich einen Maserati fahren, der über 100 000 Euro gekostet hat. Nicht schlecht für den Chef einer gemeinnützigen Einrichtung, die zum grössten Teil von Steuergeldern finanziert wird und einem guten Zweck dient. Die Öffentlichkeit findet das nicht witzig. Dann kommt auch noch ans Tageslicht, dass Sie ein Jahresgehalt von über 300 000 Euro beziehen, das ist mehr, als die Bundeskanzlerin verdient. Der Skandal ist da.
Genau das ist eben in Berlin passiert. Der Chef der sogenannten Treberhilfe, die Obdachlose in Berlin betreut, wurde mit beiden Händen tief im Mustopf des subventionierten Wohllebens erwischt. Er bezog über 300 000 Euro jährlich, fuhr einen Maserati und wohnte in einer Villa namens «Denkmal» in einer Luxusgegend am Rande von Berlin. Und die ganze Sache kam tatsächlich auf, als er ein wenig zu schnell fuhr. Shit happens. Dann dauerte es eine Weile, bis er von seinen «gemeinnützigen Ämtern» zurücktrat bzw. zurückgetreten wurde. Einer der Gründe für seinen erzwungenen Rücktritt war, dass man den Bestand und das Fortleben der Treberhilfe retten wollte, die ihrerseits 280 Mitarbeiter beschäftigt und damit zu den grösseren Arbeitgebern im Sozialbereich gehört. Die Treberhilfe betreut etwa dreitausend Obdachlose in Berlin und macht einen Umsatz von rund zwölf Millionen Euro.
Harald Ehlert, ein ehemaliger Pädagoge und aktiver Sozialdemokrat, hat die Treberhilfe 2006 gegründet und im Rekordtempo zu einem der grössten gemeinnützigen Unternehmen Berlins ausgebaut. Das war vor allem deswegen möglich, weil der Bereich «Soziales» boomt und brummt und der Staat nicht alles selber erledigen kann, also auf private Dienstleister angewiesen ist. «Die Liste der sozialen Angebote ist so lang, die Lage so unübersichtlich, dass der Berliner Senat nicht beziffern kann, wie viel für Sozialleistungen ausgegeben wird», schrieb vor kurzem der Kölner Stadt-Anzeiger über die Hauptstadt. Mag in den Bereichen Kultur, Bildung und Erziehung gespart werden, Kürzungen im Sozialbereich sind weitgehend tabu, weil kein Politiker den Vorwurf riskieren möchte, bei den «Ärmsten der Armen» zu sparen. Das wäre erstens «herzlos», und zweitens sind Sozialhilfeempfänger auch Wähler, deren Stimmen mitgezählt werden.
So hat sich ein soziales System etabliert, das vor allem zwei Zwecken dient: der Finanzierung eines Apparates, in dem inzwischen mehr Menschen beschäftigt sind als in der Industrie, und dem Erhalt der Armut, die betreut, erfasst und verwaltet werden muss. Deswegen erscheint alle paar Monate ein neuer «Armutsbericht», in dem die «alarmierende Zunahme» der Armut dokumentiert und zugleich gefordert wird, mehr Mittel für den Kampf gegen die Armut zur Verfügung zu stellen: für mehr Projekte, mehr Planstellen, mehr Programme.
Dabei fällt niemandem auf, dass es offenbar einen Zusammenhang zwischen der Ausbreitung der Armut und der Bekämpfung der Armut gibt. Würde man die Entwicklung in einem Diagramm darstellen, wären es zwei Linien, die parallel ansteigen. Je mehr für den Kampf gegen die Armut ausgegeben wird, umso mehr nimmt die Armut zu. Für gemeinnützige Vereine wie die Berliner Treberhilfe ist das ein perfektes Geschäftsmodell, für die Gesellschaft eine Katastrophe.
Im Geschäftsbericht der Treberhilfe für das Jahr 2008 hat Harald Ehlert eine optimistische Vorhersage formuliert: «Risiken sind für die Treberhilfe dank der hohen Nachfrage nicht zu erwarten.» Aufgrund der Krise werde der «Beratungsbedarf» noch zunehmen. Das hatte der Chef richtig erkannt. Er hätte lediglich beim Gasgeben ein wenig aufpassen müssen.
Weltwoche 11/10


18.03.2010 um 9:30
“Er hätte lediglich beim Gasgeben ein wenig aufpassen müssen.”
In der Tat, ein Smart hätte es auch getan, und er hätte Demut bewiesen. LOL:)
18.03.2010 um 9:37
In meiner Gegend gibt es, sehr zu meinem Amüsement, eine Einrichtung Betreutes Wohnen für bulimische junge Damen. D.h. die sind nicht eigentlich arm, die wollen bloß nichts essen. Das find ich sehr witzig.
18.03.2010 um 9:44
Jetzt aber keine Neiddebatte wegen des Maserati lostreten……..
18.03.2010 um 9:47
Ein sehr aufklärender Bericht. Ich kenne auch einige von
den Sozialhirnis. Für die ist es vor allen Dingen sehr wichtig,
dass Sie selbst “gut” sind. Und dieses Mona Lisa - Lächeln in
den Mundwinkeln.
Piep Piep Piep wir ham uns alle lieb. Es rollt einem die Nägel
hoch. Selbst die dicke Kohle schaufeln, dicke Karre fahren
und Armut produzieren! Ja produzieren. Denn jeder, dem von
der großzügigen Treberhilfe geholfen wurde, geht doch nicht
mehr zum arbeiten. So doof sind die dann auch nicht.
Ich frage mich immer mehr, mit welchem Recht jemand von
anderen Geld verlangt und selbst nichts zu seinem Unterhalt
beiträgt. Dieser Personenkreis ist aber beeinflussbar. In die
richtige ( linke ) Richtung. Und da liegt der Hund begraben.
Der große Vater Staat. In alles will er reinreden. Alles will
er regulieren. Schafft einen Überwachungsstaat. Ich für mich
persönlich kann nur sagen, dass ich mich noch nie so unfrei
gefühlt habe.
18.03.2010 um 9:53
Onkel Peter, hol schon mal den Maserati:
“Zwei Jahre saß Ehlert als SPD- Haushaltsexperte im Abgeordnetenhaus, danach in der BVV Schöneberg, jetzt macht er nur noch im Jugendausschuss der Landes-SPD mit.”
http://www.tagesspiegel.de/berlin/Stadtleben-Harald-Ehlert;art125,2689963
18.03.2010 um 9:53
Und in “meiner Gegend” gibt es diesen Shit, dessen Konzept - in jeder Richtung - zu 95% falsch ist, aber von Dalai-Lama-Freund Ronald Koch mitgetragen wird - das MUSS man sich einmal ansehen - http://www.boxcamp.de/
18.03.2010 um 10:00
@ Tanja Krienen
Ja, Ja, die kenne ich aus dem Fernsehen, dort laufen ja ein paar nette Früchtchen rum.
18.03.2010 um 10:20
@ Tanja: Wie schön “multikultig” dieses Kannenberg-Unternehmen doch aufgezogen ist. Es erwärmt einem das Herz, wenn man sieht, dass der gemeine (pun intended) Mihigru sich auch dort anschickt, die 50%-Marke in Bälde zu erreichen!
18.03.2010 um 10:22
Naja, ist so knapp 30km entfernt, aber hier im Landkreis. Der Kannenberg macht prinzipiell nichts anderes als Maserati-Harald. Es sind Leute, die im Sozialkitsch baden, echte Problemlösungen ablehnen und letztlich gut davon leben.
18.03.2010 um 10:29
Sozial scheint zu sein, andere abzuzocken!
18.03.2010 um 10:44
Das “erfreuliche” ist, dass neben dem SOZIALISMUS, sich sein ebenso paranoider Zwilling der Titten-SOZIALILSMUS (Feminismus) durch alle Lebensberieche frisst. Freuet euch ergo, BRÜDER in Christo ! - Zur Sozial-Abzocke wid sich die Gender-Abzocke immer dreister etablieren. Ihr werdet scharenweise rausgequotet werden, im Beförderungsstau stecken, oder gar nicht erst eingestellt werden, und dürft dafür den milliardenscheren FrauInneförder-Irrsin mitalimentieren. Dei Jungs werden durch pathologisch-feministische Pädagogik an Bildung/Ausbildung gehindert wrden, damit die tollen FrauInnen diie Unis mit ihren grandiosen Genderforschungen und sonstigen Dampflplauderfächern überchwemmen könnnen.
18.03.2010 um 10:58
Das Solidarische Bürgergeld würde den kompletten Verwaltungsapparat überflüssig machen…
18.03.2010 um 11:03
Gibt es da eigentlich etwas aus der Systemtheorie zu diesem Effekt?
1. Man hat ein Problem. Man zahlt, um es gelöst zu bekommen. Es wird teurer.
2. Man entwickelt eine Versicherung, um das Teure im Falle des Problems bezahlen zu können.
3. Es entwickelt sich eine Industrie, die das Teure verkauft.
4. Die Lösung des Problems steht nicht mehr im Vordergrund, weil diese Industrie natürlich ein Interesse am eigenen Überleben hat.
Wir sehen diese Gesetzmäßigkeit nicht nur hier im Sozialbereich sondern auch im Gesundheitswesen. Beispiel Diabetes: würde man den heilen (Gewichtsreduktion), bräche ein Industrieimperium weg. (Damit will ich nicht jetzt das Gesundheitssystem bashen, sondern nur den Mechanismus aufzeigen).
Wie heißt dieser System-Effekt? Klügere Leute werden sich doch sicher schon den Kopf darüber zerbrochen haben.
18.03.2010 um 11:15
@mino
Zustimmung!
18.03.2010 um 11:27
Genau wie das ist der eine brummende Boom-Branche, in die immer mehr Geld für mehr Projekte, mehr Planstellen, mehr Programme gepumpt wird, ohne das jemand schaut, was mit dem Geld konkret passiert und ob es etwas nützt.
18.03.2010 um 11:58
Vor 20 Jahren nannte man es ‘Elends- und Armutsgewerbe’ - heute zutreffender “Elends- und Armutsindustrie” …
18.03.2010 um 13:28
ProRatio81 meint: “Das Solidarische Bürgergeld würde den kompletten Verwaltungsapparat überflüssig machen.”
Das glaubst du doch selber nicht oder? Mit Bürgergeld würde man nur eine falsche Sache anders falsch machen.
18.03.2010 um 14:14
Nanana! Wir wollen doch keine sozialistische Gleichmacherei betreiben, oder? Gestern hieß es noch, man dürfe Verschwendung bei den Beamten nicht kritisieren.
Wer für die Trennung von Pensionen und Renten ist, sollte so konsequent sein und dem Chef der Treberhilfe seinen Maserati gönnen!
Wenn man schon die Ineffizienz und die Geldverschwendung des Beamtenstaates nicht kritisiert, warum sollte man dann die Ineffizienz und die Geldverschwendung der Treberhilfe kritisieren?
Schlimmer treiben es die Beamten: Die zehren direkt von den Steuergeldern. Wenn ich meine Steuern nicht entrichte, gehe ich in den Knast, §§ 370, 378 AO.
Spende ich der Treberhilfe nichts, passiert mir gar nichts.
Was ist also schlimmer? Die Verschwendung von Spenden- oder die Verschwendung von Steuergeldern?
18.03.2010 um 14:48
Eine grandiose Geschichte - habe sie bereits im Blätterwald vor 3 Wochen gelesen -
Weiter so, Idiotenstaat!
18.03.2010 um 17:13
Riesenthema. Das läuft alles falsch.
„Wenn man alles umsonst bekommt, wie soll man dann je lernen, Dinge zu erwerben? Ermuntere mich zum Wettbewerb, fordere etwas von mir und biete mir etwas dafür! Die Regierung kommt immerfort mit neuen Gesetzen, die die Menschen, denen sie helfen sollen, nur schwächen. Warum werden sie nicht besser? Weil es keinen Grund gibt, besser zu werden. Je schwächer wir werden, desto mehr kriegen wir.“
http://www.sueddeutsche.de/politik/753/479246/text
„Entwicklungshilfe begünstigt die Unterentwicklung“
http://zettelsraum.blogspot.com/2009/10/entwicklungshilfe-begunstigt-die.html
„Mit steigenden Sozialausgaben nimmt die Gewaltkriminalität nicht ab, sondern zu“
http://ef-magazin.de/2009/08/17/1417-gewaltkriminalitaet-kann-man-durch-sozialleistungen-gesellschaftlichen-frieden-erkaufen
18.03.2010 um 17:31
Falsch, Markus Oliver: Die Treberhilfe lebt nicht von Spenden, sondern von Staatszuschüssen. Sie sind also wohl oder kotzeübel an dem Verein beteiligt.
18.03.2010 um 18:32
Das die Treberhilfe Staatszuschüsse bekommt, weiss ich. Es geht um die Generierung der Einnahmen. Die Treberhilfe kann weder den Staat noch mich zwingen, für sie zu zahlen. Das für die Treberhilfe gezahlt wird, hat politische Gründe.
Das ändert aber nichts daran, dass die Treberhilfe ein e.V. ist und eben nur auf freiwilligem Wege Geld erhalten kann. Mein Beispiel ist daher nicht falsch, sondern richtig.
Wenn man konsequent ist, dann darf man den Manager der Treberhilfe für seinen Maserati dann nicht verurteilen, wenn man selbst gleichzeitig nicht an die Beamtenprivilegien will und dafür das Argument der Vermeidung der Gleichmacherei anführt.
Das ist unlogisch und widersprüchlich. Die schlimmere Verschwendung ist die des Staates, nicht die privater Vereine. Grund: Nur der Staat bringt mich bei Verweigerung der Zahlung in den Knast. Die Treberhilfe e.V. kann das nicht.
18.03.2010 um 20:10
wie meint Broder:
“Über die Verwendung des Geldes brauchen sie keine Rechenschaft abzugeben, sie werden nicht kontrolliert.”
Vllt. in Berlin, die leben ja fürstlich vom Länderfinanzausgleich.
Die Anzahl derer, die wissen wie Gelder verschleudert werden dürfte nichtmal so klein sein, die dürfen nur nichts sagen, sonst kommt die Politkeule.
Und sollte mal jemand versuchen, den Bund der Steuerzahler oer Rechnungshöfe Infos zukommen zu lassen, dann wollen auch die nichts davon hören.
18.03.2010 um 20:23
Also was man von dem Kannenberg im TV gesehen hat, so ist seine Arbeit mit den sozial sehr schwierigen Jugendlichen nicht leicht.
Und von Maserati und Riesengehalt dürfte er auch weit entfernt sein.
18.03.2010 um 21:07
Die Katholische Kirche kann ja ihr Vermögen zur Sühne an die Treberhilfe abtreten.
Manchmal sind zusammenhanglose Nachrichten doch irgendwie miteinander verwoben.
18.03.2010 um 22:55
m.o.
zu formalistisch: problematisch ist die ausbreitung des staates in genuin nicht staatliche bereiche - und so bezahlts du mit dem einzigen was du zahlen mußt, den steuern, eben auch - und das zwangsweise - die Treberhilfe.
21.03.2010 um 12:31
Tja, da hätter Herr Ehlert mal ein bischen in ein gutes Issuesmanagement investiert. Der Strafzettel wäre bezahlt worden und er könnte weiter Maserati fahren. Der Chauffeur hätte bestimmt gern die drei Punkte in Flensburg übernommen. Gute Krisenkommunikation zahlt sich eben aus. Aber eben nur in der Krise …