Kleine Geschichte Südtirols 2 - Andreas Hofer

26.04.2008

Am 10. September, 1786, fuhr Johann Wolfgang Goethe per Kutsche auf seiner berühmten italienischen Reise von der Paßhöhe des Brenner hinunter nach Südtirol und hielt kurz vor Bozen folgendes fest:

Auf dem Lande, nah am Fluß, die Hügel hinauf, ist alles so enge an und in einander gepflanzt, daß man denkt, es müsse eins das andere ersticken: Weingeländer, Mais, Maulbeerbäume, Äpfel, Birnen, Quitten und Nüsse. Über Mauern wirft sich der Attich lebhaft herüber. Efeu wächst in starken Stämmen die Felsen hinauf und verbreitet sich weit über sie; die Eidechse schlüpft durch die Zwischenräume, auch alles, was hin und her wandelt, erinnert einen an die liebsten Kunstbilder. Die aufgebundenen Zöpfe der Frauen, der Männer bloße Brust und leichte Jacken, die trefflichen Ochsen, die sie vom Markt nach Hause treiben, die beladenen Eselchen, alles bildet einen lebendigen, bewegten Heinrich Roos. Und nun, wenn es Abend wird, bei der milden Luft wenige Wolken an den Bergen ruhen, am Himmel mehr stehen als ziehen, und gleich nach Sonnenuntergang das Geschrille der Heuschrecken laut zu werden anfängt, da fühlt man sich doch einmal in der Welt zu Hause und nicht wie geborgt oder im Exil…


Aber nicht überall im Land herrschte Wohlstand wie in Bozen, und in den Seitentälern der Alpen mußten die Bauern ihr Brot meist beschwerlich erarbeiten, aber sie hingen alle an diesem Flecken Erde, und die Tiroler waren äußerst konservativ und wehrhaft. Das erfuhren die Franzosen, als sie 1796/1797 Tirol zunächst erfolglos angriffen. Auf dem Bild sieht man Katharina Lanz bei der Schlacht von Spinges 1797!

Katharina Lanz

Nach Napoleons Siegen überall in Europa wurde Tirol aber im Frieden von Pressburg 1805 an die Bayern abgetreten, deren Herrschaft und deren staatliche, kirchliche und militärische Reformen den Tirolern so sehr gegen den Strich gingen, daß es schließlich 1809 zum Volksaufstand, zum Freiheitskampf für Gott, Kaiser und Vaterland kam unter den heute noch bekannten Anführern Hofer, Speckbacher, Mayr und Haspinger. Vor allem daß in Südbayern, wie Tirol nun heißen sollte, von den Besatzern nach Aufhebung des Landlibell  Rekruten ausgehoben werden konnten, führte zur Erhebung. “Mander, es isch Zeit”, soll Hofer gesagt haben, und die Schützen folgten!

Andreas Hofer

Insbesondere Andreas Hofer (Abb,), der Sandwirt aus St. Leonhard im Passeiertal, wurde ein Nationalheld und erregt bis heute die Phantasie. Vier Schlachten wurden am Bergisel (das ist da, wo heute die Olympiaschanze von Innsbruck steht) gegen Bayern und Franzosen geschlagen, drei gewonnen, die letzte verloren. Der Kaiser in Wien, auf den die Tiroler gesetzt hatten, war nie eine Hilfe gewesen! Hofer - durch Verrat gefangen - wurde 1810 zu Mantua in Banden erschossen! Er ist mit Speckbacher und Haspinger in der Hofkirche zu Innsbruck begraben. 

Das Leben ging natürlich auch nach 1810 weiter, Napoleon verschwand von der Bühne, Tirol kam wieder an die Habsburger, die den Tirolern und ihrer Freiheitsliebe jedoch durchaus mißtrauten. Die Überführung Hofers nach Innsbruck war eine Nacht- und Nebelaktion der Kaiserjäger, aber gar nicht im Sinne Seiner Majestät des Kaisers selbst, der vor allem Ruhe im Land wollte. Zweimal noch in den nächsten 50 Jahren drohte Tirol Gefahr - diesmal aus  dem Süden. Um 1848 drängten Freischärler - Stichwort Giovane Italia - aus der Lombardei heran und wollten die Grenzen verschieben, und 11 Jahre später war es Garibaldi, der im Krieg Österreichs gegen Piemont-Sardinien im Norden aktiv wurde. Beide Male wurde in Tirol der Geist von 1809 wachgerufen, und beide Male die Gefahr abgewendet. 

Das tägliche Leben blieb während dieser Zeiten in vielen Teilen Tirols wie überall in den Alpen ein schweres. Armut war weit verbreitet. Nicht jeden ernährte ein Bauernhof oder ein Handwerk. Es gab ”ledige Kinder”, Zweit- und Drittgeborene, die als Tagelöhner, Melker, Knechte und Mägde, Wildschützen, Krämer, Vogelhändler, Schmuggler und Hausierer ein Auskommen suchen mußten. Viele zogen ganz weg und wanderten aus bis nach Brasilien und Peru. Bekannt geworden sind auch die sogenannten Schwabenkinder, die aus Armut alljährlich im Frühjahr durch die Alpen zu den Kindermärkten hauptsächlich nach Oberschwaben wanderten, um dort als Arbeitskräfte für eine Saison an Bauern vermittelt zu werden. Erst nach 1920 verschwand das Schwabengehen endlich ganz!

Auch war Tirol nicht überall streng katholisch, wie man vermuten könnte. Im Zillertal etwa hatten sich lange Protestanten gehalten, die man aber vor die Wahl stellte, zu konvertieren oder auszuwandern, was die meisten 1837 taten. Die geistigen und politischen Strömungen des 19. Jahrhundert machten an den Landesgrenzen natürlich keinen Halt, können in diesem kurzen Abriß aber nicht ausgeführt werden. (Die nächste Fortsetzung handelt vom Ersten Weltkrieg in Südtirol.)

Der Tiroler Freiheitskampf und dessen Mythos
Tiroler Freiheitskampf 1809
Das Landlibell von 1511
Kleine Geschichte Südtirols 1 - Prolog

17 Antworten zu “Kleine Geschichte Südtirols 2 - Andreas Hofer”

  1. kewil meint:

    Wie bereits im ersten Teil gesagt, wann die nächste Folge erscheint, noch nicht klar!

  2. Budweiser meint:

    Wenn bloß mehr Mitmenschen solche Beschreibungen und Details suchen und lesen würden. Nur wer die Geschichte versteht findet einen Weg in die Zukunft.

    Was man nicht kennt kann man nicht lieben, was man nicht liebt verliert den Wert.

    Man sieht nun ein verwahrlostes Volk ohne Ziel und Bewusstsein mit einer Führung die nur ihre Eigeninteressen bedient.
    Ist an und für sich logisch.
    Ohne individuelles Wissen kann keine Demokratie funktionieren; Verdummung siegt ohne Kampf. Gewinner sind nur nicht die betroffenen Völker.
    Danke für den Artikel

  3. D.N. Reb meint:

    Es gab eine Johanna Stegen und auch eine Eleonore Prohaska. Und das werden nicht die einzigen Frauenzimmer mit Courage gewesen sein. Ich sag es nur mal so.

  4. Nick meint:

    Freiheit für Südtirol:

    http://www.youtube.com/watch?v=mDy204Czpo0

  5. Faber meint:

    Anderes Thema: Davon liest man ansonsten wieder nix, außer in den Regionalzeitungen. Warum?

    “Der Brand in einem überwiegend von Türken bewohnten Haus im baden-württembergischen Backnang ist offenbar aufgeklärt. Wie die Polizei am Freitag in Waiblingen mitteilte, steht ein Bewohner des Hauses im Verdacht, das Feuer am 29. März gelegt zu haben. Der Mann verweigere die Aussage. Einen rechtsextremen Hintergrund schloss die Polizei aus.

    Bei dem Brand war am frühen Morgen in dem Mehrfamilienhaus ein Kinderwagen angezündet worden. Außerdem waren umgekehrte Hakenkreuze und der Schriftzug „Deutsche alle sterben“ auf die Wand im Hinterhof des Gebäudes gesprüht worden. Die Taten dürften im Zusammenhang stehen. Bei dem Brand erlitten mehrere Hausbewohner Rauchgasvergiftungen. Zwei Frauen mussten stationär behandelt werden. Die Polizei wertete mehr als 50 Spuren und Hinweise aus. Bei einer Durchsuchung wurden Gegenstände gefunden, die unmittelbar im Zusammenhang mit den Farbschmierereien stehen.

    Der mutmaßliche Brandstifter befinde sich auf freien Fuß. Ein Polizeisprecher sagte: „Wir haben einen Tatverdacht und warten derzeit noch weitere Untersuchungsergebnisse ab“. Es stehe fest, dass die Tat weder rechtsextremistisch motiviert war noch sonst einen fremdenfeindlichen Hintergrund hatte.”

    http://tinyurl.com/4qe5xv

  6. Faber meint:

    Oh, Mist. PI hat das ja auch schon gebracht, wie ich eben entdeckt habe…

  7. wolaufensie meint:

    …in Bayern feiert man mit
    Anderas Hofer-Schnitten Tradition .
    ….Sind nicht billig…!

  8. Frankfurter meint:

    @Faber

    Es geht um Südtirol.

    Mir geht diese ganze Islamschei… dermaßen auf den Sack. Jeden Tag derselbe Mist. Wir sind hier eben nicht bei PI !

    Zur Sache.

    Auf den dritten Teil bin ich wirklich gespannt.

    Conrad von Hötzendorf und Heinz von Lichem dürften ja bekannt sein.

    Trotz allem. Ich mag die Italiener. Alles schlechte hat auch noch sein gutes. Die Mischung zwischen deutscher und italienischer Lebensart finde ich sehr angenehm.

    Sie leben ganz gut mit ihrem Autonomiestatut.

  9. Chripa meint:

    Südtirol ist heute soweit ich weiß die reichste italienische Provinz.
    Und sicher auch eine der schönsten. Wenn man sich die Geschichte
    vor Augen hält und sich vergegenwärtigt, was es da früher für Probleme gab,
    haben wir vielleicht auch Grund, etwas optimistischer zu sein.

  10. Ullrichson meint:

    Tiroler sind ein stolzes Volk mit deutschen Wurzeln und werden sich den Italienern niemals so unterordnen, daß sie ihre Identität verlieren. Meine Hochachtung!

  11. wauo meint:

    War vorletzten Monat in Südtirol. Dabei fiel mir eine Zeitschrift in die Finger. Titelthema: WIRD SÜDTIROL EIN POLIZEISTAAT?
    Tatsächlich Radarkontrollen an allen Ecken, allgegenwärtige Poltitessen, Rauchverbot nicht nur in Wirtschaften, sondern nun auch in der Nähe von Schwangeren und Kindern…
    Nicht nur in Südtirol braucht es wieder den Ruf: “Mander (& Weiber), s’ischt Zeit!”

  12. Fact - Fiction » Blog Archive » Kleine Geschichte Südtirols 3 - Der Erste Weltkrieg, Kriegserklärung Italiens meint:

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  13. Fact - Fiction » Blog Archive » Kleine Geschichte Südtirols 4 - Krieg in den Bergen meint:

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  14. Fact - Fiction » Blog Archive » Kleine Geschichte Südtirols 5 - Ettore Tolomei meint:

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  16. Fact - Fiction » Blog Archive » Kleine Geschichte Südtirols 7 - Bomben meint:

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  17. mg meint:

    Ich bin vor ein paar Wochen im Hofer-Museum gewesen. Nun ja, was ich noch festhalten kann, ist dass Andre ein Freimaurer von Herzogs Gnaden war - oder kurzum: der Stahlbursche ;) Oder kurzum: der Sandwirt hieß früher Zur Goldenen Krone und war wie viele andere Höfe dort ein Schildhof - wohl DER Schildhof. Ich vermute, dass da einige Gelder geflossen sind. Auf den ganzen Hofer-Gemälden kann man zudem erkennen, dass er wohl wirklich gute Verbindungen zur Kirche hatte, aber erstma auf den kleinen Mann im Tal nicht gehört hat, der ihn anfleht hat, doch Ruhe zu geben. Anscheinend hat er wohl irgendwann von seinem Meister gesagt bekommen, dass das Speil bereits gelaufen ist, weswegen er dann Depressionen bekommen hat und sich zurückzog. Abserviert eben! Marie Luise hatte ja im Vorfled auch schon Marie Antoniette an Frankreich verheiratet. Interessante Geschichte, und wirklich sehenswertes Museum, wenn auch voller Propaganda.

    Interressant ist zudem, dass sie im Museum offen von Verschörung sprechen (stand jedenfalls an einer Wand) und da genau vier Herren abbilden. Zwar habe ich nicht den Zugang zur Bevölkerung bekommen, aber ich vermute dass die mittlerweile wohl recht genau wissen was damals gelaufen ist. Jedenfalls diejenigen, die sich für Geschichte und nicht für den Heldenepos interessieren.

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